Vernunftkritik (Das „wilde Denken“)

Äußerte schon der Reisebericht „Traurige Tropen“ von 1955 eine Faszination für schriftlose Kulturen oder allgemeiner, Alternativen zur westlichen Zivilisation, entwickelt die 1962 erschienene Programmschrift „Das wilde Denken“ dies weiter zu der These, dass überhaupt keine wesentliche oder qualitative Differenz zwischen begrifflichem und (vermeintlich) primitivem, genauer: mythischem Denken bestehe. Keinesfalls sei unsere Kultur kognitiv überlegen, sondern beides seien Varianten jener gleichartigen Verfahrensweisen, für welche der Begriff „wildes Denken“ als Kennzeichnung eingeführt wird. Der „Primitive“ sei nicht etwa trieb- statt vernunftgesteuert, sondern bearbeite nicht weniger „vernünftig“ nur anderes, nämlich konkreteres Material, dabei aber mit anderen Zielen und stärker im Modus von „Bastelei“. Auch hier ermöglicht die Perspektive auf Strukturen eine „Übersetzung“ beider Formen. In beiden Kulturen werde eine Klassifikation der Umwelt vorgenommen, wobei auch die Schemata im Einzelnen interkulturell übertragbar seien. Dies beweise, dass die Strukturen des menschlichen Denkens universell und uniform sind. Beispielsweise vollziehe sich Denken stets durch Gegenüberstellung zweier Begriffe, also im Wege einer binären Opposition (komplementäre Dichotomie). Solche Gegensatzpaare sind etwa heiß-kalt, oben-unten, usw. Lediglich die Manifestationen seien kulturspezifisch verschieden. Der grundlegende Gegensatz sei die Opposition zwischen „Natur“ und „Kultur“.

Wikipedia, s.v. Claude Lévi-Strauss